Liebe Besucher,
am Samstag fand die 3. grüne Themenwerkstatt “Jugend/Schule” statt und ich möchte die Gelegenheit ergreifen aus meiner Arbeitsgruppe zu berichten. Besonders brisant ist der Ausblick auf ein zwei Säulenmodell, das ich am Ende des Beitrags aufgreifen will.
Unter dem Motto “Was ist eine gute Bildungslandschaft?” wurde in drei Arbeitsgruppen diskutiert:
- Eine gute Bildungslandschaft für Kinder im Alter von 6-12 Jahren
- Eine gute Bildungslandschaft für Kinder und Jugendliche im Alter von 12-18 Jahren
- Das Gymnasium der Zukunft oder Zukunft des Gymnasiums?
(weitere Infos zur Werkstatt: Auf der Homepage der Grünen Berlin)
Da ich die Diskussion um Ein- oder Zweigliedrigkeit besonders spannend finde, entschied ich, in der Gruppe “Das Gymnasium der Zukunft oder Zukungt des Gymnasiums?” mit zu arbeiten.
Die berliner Grünen vertreten hier bisher die Position, dass das Gymnasium neben den Sekundarschulen vorübergehend erhalten bleiben, jedoch viele Privilegien (wie das Abschulen) verlieren soll. Das ist ein Kompromiss zwischen dem zweigliedrigen Schulsystem und der sofortigen Umsetzung der Schule für Alle.
Der Erhalt des Gymnnasiums wird meist damit begründet, dass es einen großen Anteil an Eltern gibt, die die Abschaffung stark ablehnen. Mit diesem vielleicht grünenaffinen Klientel will man es sich nicht verscherzen.
In zwei mal 1,5 Stunden beschäftigten wir uns, meist in der großen Runde von etwa 20 Personen (LehrerInnen, SchulleiterInnen, Grünen BildungspolitikerInnen, StudentInnen, Interessierten), mit den Themen “Inklusion”, “Ziel und Zugang”, sowie “Schulautonomie”.
Inklusion
Schwerpunkt des Vormittags war es zu überlegen und diskutieren wie SchülerInnen mit Behinderung in das “normale” Schulsystem eingebunden werden können und welchen Beitrag die Gymnasien hier leisten müssen. Es gab einen Erfahrungsbericht vom Fichtenberg-Gymnasium, auf dem bis zu zwei blinde SchülerInnen in einer Klasse sind. Der Schulleiter Herr Lepping berichtete von den besonderen Herausforderungen für und durch sehbehinderte SchülerInnen und über den positiven Einfluss auf das Schulklima.
Uneinigkeit gab es bei der Frage ob nur SchülerInnen mit dem realistischen Ziel des Abiturs auf ein Gymnasium aufgenommen werden sollten, oder auch andere zumindest zeitweise dort mit unterricht werden könnten.
Ziel und Zugang
Womit wir auch schon beim Punkt Ziel des Gymnasiums sind. Ist es eine “eliteinstituation” mit dem Ziel gute SchülerInnen besonders schnell zum Abitur (und nur dorthin) zu führen, oder hat es wie die Sekundarschule den Auftrag seine SchülerInnen so gut wie möglich zu bilden. Es geht darum zu klären, ob sich Gymnasium in Sekundarstufe prinzipiell unterscheiden und wenn ja worin diese Unterscheidung ist. Einige Anwesende vertraten die Ansicht, dass ein deutliches Bekenntnis zur besonderen Stellung des Gymnasiums notwendig ist, während andere die soziale Verantwortung der Gymnasien hervorhoben und das Gymnasium nicht als die Schule für die “Besseren” verstehen wollten.
Beim Thema Zugang ging es um die Gymnasien, welche bereits ab der 5., statt der 7., Klasse beginnen und ob wir diese abschaffen oder zumindest begrenzen sollten. Hier wurden große Konfliktlinien deutlich. Für die Spezialisierung im sportlichen, musischen oder (alt-)sprachlichen Bereich empfanden einige den früheren Beginn des Gymnasiums für unerlässlich, während andere darin die Aufkündigung der gemeinsamen Basisschule sahen und für bessere Grundschulen eintraten, die diese Spezialisierung ebenso leisten könnten.
Schulautonomie
Nach einer kurzen Einführung zu der neuen Volksinitiative “Schule in Freiheit“, die sich für die gleichberechtigte Finanzierung von öffentlichen und privaten/freien Schulen einsetzt, diskutierten wir darüber ob deren Forderungen sinnvoll sind.
Dabei tauchte immer wieder der Widerspruch auf, dass private Schulen als elitär wahrgenommen und verdammt werden, während freie Schulen ein positiv belegter Begriff sind. Dabei sind freie und private Schulen eigentlich das Gleiche. Die Diskussion drehte sich darum ob private Träger bessere Schulen anbieten können als der Staat, oder ob staatliche Schulen mit mehr Autonomie diesen Wettbewerb der besseren Idee nicht ebenfalls führen könnten. Das wurde natürlich nicht abschließend geklärt und muss noch weiter diskutiert werden.
Das zwei Säulen Modell
Womit ich zum Abschluss und dem spannendsten Teil kommen möchte. Im einleitenden Thesenpapier zu der Arbeitsgruppe wurde bereits ein “zwei Säulen Modell” für Berlin gefordert. Das bedeutet die gleichberechtige Existenz von Gymnasien und Sekundarschulen, die sich auch in der gleichen finanziellen Ausstattung widerspiegelt. Das ist eine deutliche Abkehr von der bisherigen grünen Kompromissposition die Gymnasien vorübergehend nicht abzuschaffen aber innerlich an die Sekundarschulen anzugleichen.
Entsprechend heftig fiel auch die Kritik an diesem Vorschlag aus, der die Idee des länger gemeinsam Lernens dauerhaft aufgibt und nichts mit einem emanzipatorischen Bildungssystem zu tun hat. Mehr oder weniger unauffälig wird hier versucht aus der pragmatischen Position, die Besitzstände der gymnasiumsliebenden Eltern nicht frontal anzugreifen, soll eine positive Bejahung der Zweigliedrigkeit und des Elitengymnasiums werden. Wenn sich dies in den, nun zu formulierenden, Anträgen für die nächste Landesdelegiertenkonferenz widerfindet können wir uns auf eine interessante Debatte gefasst machen.
Andere Eindrücke und Erfahrungsberichte von der Werkstatt, besonders aus den anderen Arbeitsgruppen, sind herzlich willkommen.

